Kardiovaskuläre Erkrankungen sind weltweit führend bei den Todesursachen. Eine Veränderung des Lebensstils kann helfen, Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Übergewicht, Rauchen und Typ-2-Diabetes zu reduzieren. Eine Studie zeigt, dass Menschen ohne diese Risikofaktoren im Alter von 50 Jahren deutlich länger leben. Prävention ist entscheidend, und auch späte Veränderungen können Lebensqualität und -dauer verbessern. Politische Maßnahmen sollten sich auf die Reduzierung von Bluthochdruck und Rauchen konzentrieren, um die Gesundheitsversorgung zu fördern.
Kardiovaskuläre Erkrankungen und Prävention
Frau Magnussen, kardiovaskuläre Erkrankungen zählen weltweit zu den häufigsten Todesursachen. Was kann jeder Einzelne tun, um dem vorzubeugen?
Eine Anpassung des Lebensstils ist unerlässlich. Zu den fünf wesentlichen Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen gehören Bluthochdruck, ungesundes Körpergewicht – sowohl Untergewicht als auch Übergewicht – erhöhte Cholesterinwerte, Rauchen und Typ-2-Diabetes.
Einfluss der Risikofaktoren auf die Lebensdauer
Eine umfangreiche Studie, die Sie durchgeführt haben, wurde kürzlich veröffentlicht. In dieser Untersuchung haben Sie und andere Forscher Daten von zwei Millionen Menschen weltweit analysiert und festgestellt, dass Personen, die im Alter von 50 Jahren keine dieser Risikofaktoren aufwiesen, über ein Jahrzehnt länger lebten als diejenigen, die alle fünf Risikofaktoren hatten. Besonders Frauen profitierten davon.
Frauen lebten etwa 14 Jahre länger als jene mit allen Risikofaktoren, während Männer eine Lebensdauer von fast 12 Jahren mehr erzielten.
Warum gibt es diese Unterschiede zwischen den Geschlechtern?
Die Studie hat diese Frage nicht untersucht, zeigt jedoch deutlich, wie wichtig Prävention insgesamt ist.
Einige Menschen könnten sagen: “Ich bin zu alt; eine Veränderung meines Lebensstils wird mir nicht mehr helfen.” Was antworten Sie darauf?
Es ist nie zu spät, um von positiven Veränderungen zu profitieren. Unsere Beobachtungen zeigen, dass Menschen auch im Alter von 55 bis 60 Jahren Jahre an Lebensqualität gewinnen können, wenn sie einen oder mehrere Risikofaktoren günstig beeinflussen. Der größte Vorteil wurde bei denjenigen festgestellt, die ihren Blutdruck effektiv kontrollieren oder mit dem Rauchen aufhören konnten.
Laut Ihrer Studie lebten Nichtraucher, die spät im Leben aufhörten, etwa zwei Jahre länger als Raucher. Ähnliche Vorteile wurden bei der optimalen Kontrolle des Blutdrucks beobachtet. Gewannen diese Personen Jahre in guter Gesundheit oder in eher schlechter Verfassung?
Dies sind Jahre ohne kardiovaskuläre Erkrankungen. Die Entstehung anderer Krankheiten wurde jedoch nicht untersucht. Da alle fünf Risikofaktoren auch die Entwicklung anderer chronischer Krankheiten begünstigen, lohnt es sich meiner Meinung nach, Veränderungen vorzunehmen.
Ihre Studie zeigt, dass 55- bis 60-Jährige kaum von der Verbesserung ihrer Cholesterinwerte profitieren. Wird das Thema Cholesterin überbewertet?
In unserer ersten Studie aus diesem Datensatz, die 2023 im “New England Journal of Medicine” veröffentlicht wurde, konnten wir eine klare Korrelation zwischen erhöhten Cholesterinwerten und der Häufigkeit von Herz-Kreislauf-Erkrankungen nachweisen.
Warum zeigt die neu veröffentlichte Studie, dass man kaum Lebensjahre gewinnt, wenn man diesen Risikofaktor im späteren Leben verbessert?
Die relativ geringe Auswirkung auf die Lebenserwartung hat verschiedene Gründe, unter anderem die Wahl des Grenzwerts.
Mit Grenzwert ist gemeint, dass ein spezifischer Cholesterinwert festgelegt und definiert wurde: Alles, was unter diesem Wert liegt, ist gut, alles darüber ist zu hoch?
Genau. Diese Grenzwerte sind in medizinischen Richtlinien festgelegt. Aber nicht jede kleine Abweichung davon ist automatisch schlecht.
Bedeutet das, dass nur diejenigen, die von einem sehr hohen Cholesterinspiegel ausgehen, signifikant länger leben?
Wir haben tatsächlich beobachtet, dass je höher der Cholesterinspiegel war, desto mehr Lebensjahre die Person gewinnen konnte, als sie in den definierten gesunden Bereich trat. Daher bleiben übermäßig hohe Cholesterinwerte ein wichtiger Risikofaktor.
Ein unangenehmes Detail der Ergebnisse Ihrer Studie ist, dass selbst bei Einhaltung aller empfohlenen Maßnahmen weiterhin kardiovaskuläre Erkrankungen auftreten können. Warum ist das so?
Wir haben nur die fünf klassischen Risikofaktoren betrachtet, die für etwa 50 Prozent der Fälle verantwortlich sind. Es gibt viele andere Faktoren, die das verbleibende Risiko erklären können. Dazu gehören genetische Faktoren oder Umweltbedingungen wie Lärmbelastung, Bewegungsmangel und Ernährung sowie der Zugang zur Gesundheitsversorgung.
Die Berücksichtigung globaler Daten macht Ihre Studie einzigartig. Was unterscheidet Ihre Untersuchung von vorherigen Studien zu Risikofaktoren für kardiovaskuläre Erkrankungen?
Viele andere Studien betrachten nur, was über einen Zeitraum von zehn Jahren passiert. Wir haben das Lebensrisiko vorhergesagt. Wir wollten wissen: Was passiert, wenn ich eine Veränderung vornehme? Verlängert sich mein Leben? Denn letztendlich wollen wir weg von der ständigen Diskussion über Risiken hin zur Selbstermächtigung des Einzelnen.
Was genau möchten Sie den Menschen mit auf den Weg geben?
Sie können selbst etwas bewirken. Sie können Ihre Gesundheit positiv beeinflussen, wenn Sie jetzt handeln. Versuchen Sie, die klassischen Risikofaktoren gar nicht erst entstehen zu lassen. Und wenn sie bereits vorhanden sind, finden Sie die Motivation zur Veränderung. Das bringt zusätzliche Lebensjahre. Darüber hinaus gibt es eine wichtige Botschaft für politisch unterstützte Präventionsstrategien.
Was ist das?
Bluthochdruck und Rauchen sind besonders wichtige veränderbare Risikofaktoren. Rauchen sollte unattraktiver werden, beispielsweise durch höhere Tabaksteuern. Zudem sollten mehr Menschen ihren Blutdruck überprüfen und behandeln lassen. Dies muss nicht unbedingt durch einen Arzt geschehen. Hauptsache, die Leute wissen von den entsprechenden Angeboten und nutzen sie. Wenn wir das erreichen können, wird bereits viel erreicht sein.